In Fjodor Dostojewskis "Schuld und Sühne" schreibt der Jurastudent Radion Raskolnikow einen Zeitungsartikel, in dem er seine Überzeugung ausspricht, dass es gewissermaßen das erhabene Recht und sogar die ethische Pflicht außergewöhnlicher Menschen sei, die Masse der bloß gewöhnlichen Menschen zu leiten und zu führen, selbst wenn diese die Leitung als Gewalt empfinden. Denn die Einsicht in die höheren Ziele, zu denen die Gesellschaft hingeführt werden soll, ist nunmal nur den wenigsten, den außergewöhnlichen Menschen möglich. Und so geht mit der Gabe der Einsicht auch die ethische Pflicht einher, die gewöhnlichen Menschen zu führen, welche Pflicht aber nur erfüllt werden kann, wenn sie mit dem Recht verknüpft ist, über die Einsicht und den Willen der gewöhnlichen Menschen hinweg entscheiden und bestimmen zu dürfen.Der Münchner Philosoph Robert Spaemann hält einer solchen Haltung entgegen, dass jeglicher Versuch, das summum bonum in der Welt tatsächlich zu verwirklichen, unweigerlich in die Unmenschlichkeit führt. Besonders eindringlich untersuchen auch Horkheimer und Adorno eben diese Überlegung in der "Dialektik der Aufklärung": Sie stellen die Frage historisch, indem sie darauf aufmerksam machen, dass die Aufklärung, die den Menschen eigentlich zur Mündigkeit und zum Anstand hätte führen sollen, all dies nicht geleistet, sondern ihn stattdessen mehr und mehr in die Barbarei versenkt hat. Und den gleichen Ton schlägt auch Lübbe an, wenn er darauf hinweist, dass ein Mensch, der glaubt, die Einsicht in die endgültige Lösung zu haben, sich früher oder später unabwendbar berechtigt fühlen wird, Gewalt anzuwenden. Er schreibt: die Selbstermächtigung zur Gewalt sei ein unabwendbares Resultat dieses erhabenen Denkens.
Im Falle Raskolnikows behält er Recht: Der in Geldnot lebende Student sieht sich höheren Aufgaben gegenüber, denen er aber nur dann nachzukommen sich imstande sieht, wenn es ihm gelingt, die Armut abzuschütteln. Und so greift er schließlich zur Axt und erschlägt die geizige Pfandleiherin, die nur auf ihrem raffgierig zusammengeklaubten Wertstücken sitzt und sich ansonsten von der übrigen Welt absondert.
Doch in dem Moment, in dem Raskolnikow zur Tat schreitet, wird er selbst Opfer der unglaublichen Oberflächlichkeit seines Blicks. Denn sowie die Axt sich in der Pfandleiherin versenkt, ergreift ihn gerade das, was in seiner Ordnung eigentlich bloß dem gewöhnlichen Menschen anhängt: das Niedere, das ihn von der erhabenen Einsicht fernhält. Aber er versteht es nicht, und darum kämpft er, hin und her gerissen zwischen den Überzeugungen seines Denkens und dem Urteil seines Gewissens, bis zuletzt, ohne beides je zu vereinigen.
Die Zerrissenheit aber ist schon ein sehr weiter Schritt. Sie ist bereits dasjenige, durch das die Oberflächlichkeit des pragmatistischen Blicks offenbar wird.
Denn der pragmatistische Blick zeichnet sich gewissermaßen dadurch aus, dass die Zwecke und Ziele selbst keiner Begründung mehr bedüftig sind. Es genüngt, dass sie erkannt sind. Es genügt, dass die Gegebenheiten gesichtet und als problematisch beurteilt wurden. Die Methoden ergeben sich durch die Probleme unweigerlich, ganz offensichtlich und völlig zweifellos; und sie erscheinen deshalb als "rein pragmatisch".
(Bild: Fjodor Dostojewski)
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